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Simon Schede

"lab II/2020"

03. Juli – 29. Juli 2020

o.T.

Simon Schede hat sich in seiner Malerei der letzten Jahre nach eigenem Bekunden damit beschäftigt, „das Gegenständliche aufzulösen“. Nun könnte man sagen: „Aber das hatten wir doch schon“ – so ungefähr vor einem Jahrhundert. Doch darf man diesem Einwurf entgegenhalten, dass man spätestens seit den 1980er-Jahren, dem Dezennium, in dem Schede geboren wurde, nicht mehr von einer Avantgarde, von irgendeiner Teleologie in der Entwicklung der Kunst reden kann. Sicher, es gibt immer noch ‚Emerging Art‘, denn der Markt muss regelmäßig mit Neuem gefüttert werden, doch ist seitdem sowohl inhaltlich als auch ästhetisch im Prinzip alles erlaubt; und im Übrigen, wenn Schede das Gegenständliche auflöst, dann tut er dies ganz klar mit Mitteln von heute – sowohl theoretischen als auch praktischen.

Theoretisch hat er sich intensiv auseinandergesetzt mit Modellen der Wahrnehmungstheorie und der Neurowissenschaften. Das sind Forschungsgebiete, die in den letzten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse hervorgebracht haben – Erkenntnisse, welche Kunsttheoretiker*innen und Künstler*innen eigentlich interessieren müssten, doch ist Schedes Interesse daran eher eine Ausnahme als die Regel. Schon die Pioniere der Abstraktion sind zur rationalen Untermauerung ihres Abenteuers bei den ihnen zeitgenössischen Wissenschaften zu Rate gegangen. Schede steht mit seiner Suche nach einem theoretischen Fundament also durchaus in einer ehrwürdigen Tradition – nur muss so etwas heute eben ganz anders aussehen als vor hundert Jahren.
Ähnliches gilt für die praktischen Mittel: Kandinsky oder Mondrian gingen von der Wiedergabe gesehener Wirklichkeit aus und kamen über Vereinfachung und Stilisierung zur Gegenstandslosigkeit. Schede ging von technisch reproduzierten Bildwelten aus, die er mithilfe des Computers auflöste und bis hin zur Unkenntlichkeit vermischte. Bei der Umsetzung in Malerei entstanden dann abstrakte Pinselspuren, welche an gestische Malerei der 50er-Jahre erinnern können. Solche Pinselspuren nehmen in dem monumentalen Bild, das er als Abschlussarbeit für seine Bachelor Prüfung an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HFBK) vorgelegt hat, einen prominenten Platz ein. In den Arbeiten, die danach entstanden sind, haben sie sich verselbständigt, sind gewissermaßen mutiert zu Objektivationen des Gestischen, wie man sie etwa von Künstlern wie Jonathan Lasker, Antonie Tàpies oder Bram Bogart kennt.
Die Auflösung des Gegenständlichen hat Schede mit seiner Abschlussarbeit also offensichtlich abgeschlossen, und man darf gespannt sein auf was folgen wird!
Die Ausstellung zeigt aber auch zwei ältere Bilder, entstanden bevor Schede sich auf den Weg der Auflösung des Gegenständlichen machte. Man könnte sie ‚Objektbilder‘ nennen, denn sie sehen qua Format und Design so aus wie Reclam Hefte, nur dass ihre Oberflächentextur die eines Ölbildes ist. Reclam Hefte erinnern Schede an seine Schulzeit, an den allgemeinsten Zugang zur Bildung. Die gemalten Titel Necronomicon und Poetik der Komödie wird man jedoch vergeblich auf dem Internet Site des Verlages suchen. Es handelt sich denn auch um erfundene, nicht tatsächlich existierende Bücher. Das Necronomicon ist ein fiktives Zauberbuch, das Anfang des 20. Jahrhunderts von H. P. Lovecraft, dem berühmten amerikanischen Autor von Horror- und Fantasyliteratur, erdacht wurde, und das viele andere Autor*innen angeregt hat, ja selbst von der Popkultur sowie in Computerspielen aufgegriffen wurde; und Umberto Eco hat in seinem Roman Im Namen der Rose einen zweiten Teil von Aristoteles Poetik erfunden, der vom Humor handelt, und wovon eine Abschrift in einem Kloster unter Verschluss gehalten wurde. Beide fiktive Bücher haben etwas Bedrohliches: Sie zu lesen ist gefährlich, was Phantasieren über ihren Inhalt anregt. Schedes Malerei-Objekte können auch nicht gelesen werden, und als Bilder laden sie sowieso zur Deutung ein, suggerieren aber durch die Referenz auf Reclam das Gegenteil der erfundenen Titel: Zugänglichkeit.
Wie ein roter Faden zieht sich durch all diese Arbeiten Schedes Interesse an der Wirklichkeit, beziehungsweise Objekthaftigkeit der Malerei in Bezug zur Darstellung, beziehungsweise zur inhaltlichen Referenz. Damit adoptiert er für sich den Kunstbegriff der Moderne, wonach Form und Inhalt eine nicht auseinander zu dividierende Einheit bilden müssen – entgegen der heute vorherrschenden Tendenz, sie eher separat zu behandeln, wodurch Kunst auf die Rolle der Illustration ihr äußerlicher Inhalte reduziert wird. Diese Absetzung vom Hauptstrom verleiht Schedes Arbeit eine sehr aktuelle Brisanz.

(Franz W. Kaiser)